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Was ist die Buddha-Natur?...

Mittlerer Weg Bedeutung

Nâgârjunas Mittlerer Weg:

 

Erneuerung und Weiterentwicklung von Buddhas Lehre

 

Teil 1: Präambel und Kapitel 1 bis 6

 

(Yudo J. Seggelke)

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Einführende Überlegungen

 

Nâgârjuna wollte aus meiner Sicht im MMK keine völlig neue buddhistische Lehre entwickeln, wie es einige Interpreten[1] darstellen, sondern vielmehr den zentralen Kern der authentischen Lehre Buddhas herausarbeiten und seinem Zeitgeist entsprechend gestalten.[2]

Die authentische Lehre war in Indien im Verlauf von etwa 600 Jahren nach Buddha durch verschiedene, zum Teil hoch komplexe Philosophien verfremdet und durch dogmatische Sekten und Ideologien verzerrt worden. Zudem hatte die vorbuddhistische Glaubensreligion des Brahmanismus neue Kraft und Verbreitung in der Bevölkerung erlangt und drängte den Buddhismus als Volksglauben zurück. Diese Tendenz verstärkte sich in den folgenden Jahrhunderten immer weiter. Dabei wurden Teilbereiche der buddhistischen Weisheitslehre vom sich entwickelnden Hinduismus durchaus übernommen.

Viele Kapitel des MMK dienen dem Ziel der Destruktion irreführender philosophischer Meinungen, Ideologien und falscher Lehrtraditionen wie dem Substantialismus und Momentanismus. Es ist spannend zu beobachten, dass alte Weltanschauungen und Vorstellungen aus der vorbuddhistischen Zeit unter dem Deckmantel buddhistischer Schlüsselbegriffe oft unbemerkt wieder auftauchten.[3] Diese doktrinäre Verwendung von Begriffen hatte Buddha aber gerade als unheilsam abgelehnt. Ähnliche Fehlentwicklungen sind leider mehr oder weniger bei vielen Religionen und großen Weisheitslehren zu beobachten: Nach einer fruchtbaren Zeit werden zunehmend alte, bequemere oder romantisierende Ideen von Populisten unter Begriffe subsumiert, die ursprünglich von dem großen Weisheitslehrer neu eingeführt und mit Leben erfüllt worden waren, um das alte beengende Denken und den festgefahrenen Geist zu überwinden.

In den letzten, umfangreichen Kapiteln des MMK – Buddha Tathâgata, Die Vier Edlen Wahrheiten, Nirvâna und die Befreiung und Emanzipation des Menschen in Zwölf Phasen – bezieht sich Nâgârjuna noch einmal ausführlich auf die authentische Lehre Buddhas, die er schon in der Präambel kurz behandelt hat. Im Kapitel über das Nirvâna und die Befreiung befasst er sich mit einigen Sichtweisen und Konzepten von der falsch verstandenen Wiedergeburt und Ontologie der Welt, die auch Buddha abgelehnt hat.

An dieser Stelle möchte ich einige Überlegungen zum Verhältnis zwischen westlichen philosophischen Ansätzen und der Lehre Gautama Buddhas vorstellen. Seit der Antike bis zu den neueren Philosophen stehen die ontologischen Fragen „Was ist?“ oder „Was existiert?“ im Mittelpunkt philosophischer Arbeit und Analyse.[4] Die umgekehrte Aussage und Negation lautet folglich: „Was ist nicht?“ oder „Was existiert nicht?“. Diese Gegensatzpaare kann man als das exklusive Entweder-Oder der Dichotomie oder als Satz vom ausgeschlossenen Dritten verstehen, was nach dieser Philosophie die wesentliche Grundlage der Reflexion über die Welt sei und sein müsse. So ist Platon von unveränderlichen ewigen Ur-Ideen ausgegangen, die schon immer in der Welt seien, an denen der Mensch mehr oder weniger teilnehmen könne und dadurch einen höheren oder niederen Zustand des Lebens erreiche.[5] Aber wie diese Entwicklungsprozesse ablaufen könnten, wird kaum behandelt. Platons metaphysische und spekulative Ideen werden als selbstständige, unabhängige und unveränderliche Entitäten in der Welt angesehen und bilden das philosophische Muster des Seins der Welt und des Lebens. Sie sind jenseits der empirischen und phänomenologischen Forschung und Erkenntnis und werden daher „metaphysisch“ genannt. Kurz gesagt bedeutet das, dass die Ontologie dieser Philosophie davon ausgeht, dass es metaphysische unveränderliche Entitäten gibt, die hinter oder besser gesagt über den konkreten dinglichen Realitäten existieren. Die dinghafte Realität wird hierbei als das Seiende bezeichnet. Dementsprechend könne man die Erscheinungen des Seienden wahrnehmen und untersuchen, während sich das Sein als solches der konkreten Analyse entziehe und hinter den Gegebenheiten angenommen wird.

Schon Heraklit[6] hatte im Gegensatz dazu erklärt, dass es nicht nur das einzig Richtige oder Falsche gebe, sondern auch dazwischenliegende Varianten wie teilweise richtig und teilweise falsch. Dies gelte vor allem für Prozesse, Bewegungen und Veränderungen. Eine statische Ontologie ist auch aus meiner Sicht für die Beschreibung und Analyse dynamischer Prozesse, wie zum Beispiel der Entwicklung und Emanzipation des Menschen im Buddhismus, weniger geeignet.

Wie der moderne französische Philosoph Jacques Derrida erklärt, ist unsere Sprache auf das Grundmodell von Dingen, Entitäten und Substanzen der Welt zugeschnitten.[7] Danach gibt es ein Subjekt und davon getrennte Objekte. Das Subjekt wird als aktive Form betrachtet, das Objekt als passive, das heißt, das Subjekt handelt aktiv, und ein Objekt (das auch ein Mensch sein kann) erduldet passiv und lässt auf sich einwirken. Unsere Begriffe suggerieren, dass es sich in der Welt um reale oder ideale Dinge und Entitäten (Signifikate) handelt, die von einem Begriff (Signifikant) bezeichnet werden. In diesem Ansatz besteht eine Entität für sich als unveränderliche Einheit oder Ur-Einheit in der Welt. Unsere Worte neigen also dazu, Sachverhalte, Zusammenhänge und sogar Prozesse zu verdinglichen, zu vereinfachen und nahezulegen, dass dahinter die wahren Entitäten zum Beispiel als Ideen stehen würden.

Ein derartiges Weltbild tendiert zur Statik und sogar zur Erstarrung, sodass Erweiterungen und Veränderungen, die von sich aus Prozesscharakter haben, als untergeordnet und nebensächlich erscheinen. Typisch hierfür ist zum Beispiel die Philosophie des Griechen Zenon[8], der durch spitzfindige und scheinbar hoch intelligente Argumentationen beweisen wollte, dass es überhaupt keine Änderungen und Bewegungen geben könne. Am bekanntesten ist sein scheinbarer Beweis, dass der schnellste Läufer in der Mythologie der Antike, Achill, niemals eine Schildkröte im Lauf überholen könne, wenn er ihr einen Vorsprung gewährt. An diesem scheinbaren Paradox haben sich über 2000 Jahre intelligente Denker versucht. Eine einfache Lösung hat sich schließlich durch die mathematische Differential- und Integralrechung ergeben, die allerdings erst im 17. Jahrhundert entwickelt und endgültig im 19. Jahrhundert bewiesen wurde.[9] Die Differentialrechnung baut auf Veränderungen auf und beschreibt Prozesse, sie führt zu eindeutigen mathematischen Lösungen.

Im Gegensatz zu solchen philosophischen Ansätzen, die das Unveränderliche betonen, stehen bei Gautama Buddha Veränderungen, Erweiterungen, die Befreiung und Emanzipation des Menschen im Vordergrund, damit er aus seinen Leiden, seinem Elend und seinen Schmerzen herauskommen und sogar die höchste menschliche Lebensform des Erwachens bzw. der Erleuchtung erreichen kann. Ihn interessierte also weniger die ontologische Frage „Was ist?“ oder „Was existiert?“, sondern welche Veränderungen es bei gegebenen Zusammenhängen und Wechselwirkungen im wirklichen Leben gibt. Seine Fragestellung zielt weniger auf das Seiende oder das Sein ab, sondern auf das Werden, Entstehen und Verändern. Meines Wissens ist dieser fundamentale Paradigmenwechsel in der Menschheitsgeschichte zuerst von Gautama Buddha vollzogen worden, um den Menschen nicht nur Wissen über das, was ist und was existiert, zu vermitteln, sondern wie sich der Mensch befreien und emanzipieren kann, um zu seiner jeweiligen höchsten Lebenswirklichkeit zu kommen.

Da nun aber alle indoeuropäischen Sprachen wie auch das Sanskrit ähnlich aufgebaut und nach Subjekt, Objekt, Aktiv, Passiv usw. gegliedert sind und überwiegend latent auf unveränderliche Entitäten des Wesens und der Existenz rekurrieren, traten auch in der indischen buddhistischen Philosophie die Tendenzen zu statischem, entitätsbezogenem Ewigkeitsdenken auf. Dadurch wurde die von Buddha entwickelte Befreiungslehre des Werdens und Entstehens unterminiert.

Offenbar empfinden fast alle Menschen eine tiefe Sehnsucht nach dem unveränderlichen Wesen und den Ur-Ideen und Ur-Bausteinen unserer Welt, die in ewiger Wahrheit als sichere Fixpunkte des eigenen Lebens und der eigenen Existenz wirksam sind – die Sehnsucht nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Schon bei oberflächlicher Betrachtung wird jedoch deutlich, dass bei dieser Sichtweise Glaubenskämpfe und Verhärtungen in Ideologien und Doktrinen unvermeidlich sind. Weil die unendlich komplexe Wirklichkeit unserem Verstand nicht vollständig zugänglich ist, werden derartige Scheinrealitäten in eine andere angenommene heile Welt verlagert, die als ewig, wahr und wesentlich angenommen wird. Für das so tief empfundene Wesentliche werden dann die verschiedensten Begriffe verwendet, wie Rasse und Blut bei den Nationalsozialisten, der Markt bei Wirtschaftsgläubigen, religiöse Dogmen und Doktrinen in den Glaubensreligionen, sodass dann sogar daran geglaubt wird, Mord sei der Weg zur Verwirklichung der ewigen Wahrheit und der Reinigung von Unwahrem. Dadurch wird die Gesellschaft gespalten, gegeneinander aufgehetzt und mit Hass infiziert; bei den entsprechenden Akteuren ergibt sich geradezu zwanghaft der ethische und moralische Niedergang. Es kommt zu Vorgängen, die man umgangssprachlich als Gehirnwäsche bezeichnet, so zum Beispiel bei den Mitgliedern des „Islamischen Staates“ und der neonazistischen Bewegung.

Die philosophischen Grundlagen der Ontologie sowie der tiefe Glaube an Ur-Wesen und Ur-Ideen, aus denen sich die konkreten Dinge und Phänomene angeblich entwickelt haben, werden im MMK eingehend behandelt und sorgfältig destruiert. Nâgârjuna verwendet dafür unter anderem den Begriff svabhâva, der schwer in Deutsche zu übersetzen ist, weil diese Semantik im Westen bisher nur ansatzweise herausgearbeitet wurde. Ich möchte dafür den Begriff Aus-sich-selbst-Seiendes, Selbst-Substanzund vor allem Eigen-Substanz verwenden, wobei Substanz weitgehend metaphysisch im Sinne von Ur-Idee und Ur-Wesen zu verstehen ist. Man könnte auch den Begriff Selbst-Identität verwenden, weil die Ur-Idee und das Ur-Wesen selbst-identisch und selbst-genügsam sein sollen, sich ohne Wechselwirkung mit anderen erhalten und in den Dingen und Phänomenen der Welt manifestieren.

Eine umfassende Lebensphilosophie muss jedoch sowohl das Seiende, das weitgehend als Zustand oder Dinghaftes gedacht wird, und das Werden als auch den wirklichen Augenblick des Lebens umfassen. Nâgârjuna untersucht im MMK die einzelnen wechselwirkenden Faktoren und bringt sie mit den im Buddhismus so wichtigen Früchten, also der buddhistischen Transformation der Persönlichkeit, in Verbindung. So beschreibt er prozesshafte Abläufe am einfachen Beispiel des Gehens und destruiert dabei Weltanschauungen, die für lebendige Prozesse völlig ungeeignet sind. Zudem bezieht er sich direkt auf ein berühmtes Lehrgespräch Gautama Buddhas, in dem die Extremaussagen des sogenannten „gesunden Menschenverstandes“, zum Beispiel zu Existenz und Nicht-Existenz sowie zu absolut wahr und falsch, behandelt und abgelehnt werden. Solche Extremaussagen, die das exklusive „Entweder-Oder“ verwenden, sind also gleichbedeutend mit einem dinghaften, ontologischen Weltbild, das grundsätzlich wenig geeignet ist für Veränderungen, Entstehen und Vergehen und dadurch zu großen Problemen und Leiden führt.

Nâgârjuna begeht jedoch nicht den Fehler, dass er unklare buddhistische Lehrmeinungen in Bausch und Bogen ablehnt und damit ausdrückt, dass diese überhaupt nicht existieren. Auf diese Weise hätte er die absolutistische Methode der Extreme selbst angewendet, die er gerade überwinden möchte. Stattdessen geht er realistisch und pragmatisch vor, untersucht die fruchtbaren Beziehungen zwischen positiven und negativen Annahmen, analysiert deren Wechselwirkungen in der Wirklichkeit und stellt sie angemessen dar.

Nach meinem Verständnis entspricht dies der Bedeutung der différance, die der Philosoph Jacques Derrida[10] beschrieben hat. Sie steht für eine Auffassung von Sprache, bei der Zusammenhänge und Wechselwirkungen scheinbar gegensätzlicher Aussagen und Begriffe im Mittelpunkt stehen. Laut Derrida gibt es also kein absolut und dogmatisch Richtiges oder Falsches in der Form eines exklusiven Entweder-Oder, sondern es kommt gerade auf die Übergänge, Erweiterungen und Verschiebungen von Vorstellungen und Begriffen an. Dadurch werden radikale Gegensätze vermieden, die es in der Realität gar nicht gibt, denn der menschliche Geist assoziiert mit einer positiven Aussage fast automatisch deren gespiegelte negative Aussage. Dementsprechend sind die scheinbar radikalen Negationen bei Nâgârjuna auch in Bezug zu ihren positiven Begriffen zu verstehen und nicht als ein-eindeutige ewige negative Wahrheit. Das wurde meines Erachtens bisher zu wenig beachtet, und das europäische Denken in Gegensätzen und Extremen wurde meist unbewusst bei der Interpretation angewendet.

So dürfen zum Beispiel die sogenannten acht Negationen wichtiger buddhistischer Begriffe in der Präambel des MMK nicht als extreme Aussagen im Sinne von „sie existieren nicht“ verstanden werden. Vereinfacht kann man sagen, dass Nâgârjuna diese acht Begriffe einer De-Konstruktion unterzieht, also deren falsches Verständnis destruiert, was er durch die Negativform der Begriffe deutlich macht. Aber gleichzeitig arbeitet er ihre positive wirkliche Bedeutung heraus. Dadurch gewinnt er eine erhebliche neue Freiheit bei der Interpretation der Begriffe und kann sie auf die von ihm verstandenen Bedeutungen im authentischen Buddhismus zurück- und darüber hinausführen. Extreme wie erstarrte Doktrinen und rechthaberische Machtideologien sind absolutistischer Natur und werden von Buddha und Nâgârjuna enttarnt. Dies eröffnet für die Menschen neue Horizonte der Erweiterung und Emanzipation.


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